Analog
Die Olympus OM-2N – eine analoge Kamera, die man nicht mehr loslässt
Es gibt Kameras, die man kauft. Und es gibt Kameras, die man behält.
Die Olympus OM-2N gehört zur zweiten Kategorie.
Die Kamera
Die OM-2N ist ein 35mm SLR-Sucher aus dem Jahr 1979 — also fast gleich alt wie das Zuiko-Objektiv, über das ich bereits geschrieben habe. Klein für eine SLR, schwer genug um solide zu wirken, leicht genug um sie stundenlang zu tragen. Der Auslöser ist weich, der Spiegel ruhig, der Sucher hell und klar.
Was sie von vielen Kameras dieser Ära unterscheidet: Sie misst das Licht direkt vom Film während der Belichtung — ein System, das Olympus «OTF» (Off-The-Film) nannte. Das klingt nach einem technischen Detail, macht in der Praxis aber einen echten Unterschied, besonders beim Blitzen. Die Kamera weiss, wann genug Licht auf den Film getroffen ist — und stoppt die Blitzentladung selbst.
Für eine fast 50 Jahre alte Kamera ist das bemerkenswert.
Das Gefühl
Digital ist schnell. Analog ist anders.
Mit der OM-2N drückt man den Auslöser und hört einen satten, mechanischen Klick — nicht das synthetische Geräusch einer Spiegellosenkamera, sondern das echte Geräusch eines Mechanismus, der eine Aufgabe erledigt. Man weiss sofort: Das Bild ist aufgenommen.
Der Modus, den ich am häufigsten nutze, ist die Blendenautomatik (A): Man wählt die Blende, die Kamera wählt die passende Belichtungszeit. Einfach, schnell, und dennoch unter voller Kontrolle über Schärfentiefe und Bildcharakter. Für Street Photography und ruhige Landschaften funktioniert das ausgezeichnet.
Wer mag, kann auch vollständig manuell arbeiten — Blende und Zeit von Hand. Die Kamera zeigt im Sucher eine Belichtungsanzeige; man stellt ein, bis die Nadel stimmt, und löst aus.
Die Bildqualität
Die OM-2N selbst ist nur das Gehäuse. Was das Bild macht, ist das Objektiv — und hier beginnt das Beste an der ganzen Geschichte.
Das OM-Mount-System von Olympus war für seine Zeit aussergewöhnlich. Die Objektive sind präzise gefertigt, optisch hervorragend und mechanisch robust. Auf einem modernen Sensor (via Adapter) oder auf Film liefern sie Ergebnisse, die sich nicht hinter zeitgenössischen Objektiven verstecken müssen.
Auf Film hat das Bild einen Charakter, den man nicht einstellen kann. Kein Filter, kein Preset. Der Film — ich verwende meistens Kodak Portra 400 oder Ilford HP5 — bestimmt die Stimmung mit. Das Ergebnis ist immer leicht unvorhersehbar. Und genau das macht es interessant.
Die Zuiko-Objektive
Das OM-System hat über die Jahre eine grosse Familie an Zuiko-Objektiven hervorgebracht. Die wichtigsten für den Alltag:
- 28mm f2.8 — leichtes Weitwinkel, gut für Street und Landschaft
- 35mm f2.8 — das Objektiv, das ich am häufigsten nutze. Natürliche Perspektive, kompakt, scharf
- 50mm f1.4 — das klassische Normalobjektiv. Lichtstark, vielseitig, eines der besten 50mm überhaupt
- 85mm f2 — Portrait. Weiches Bokeh, präzise Schärfe
- 135mm f3.5 — für etwas mehr Abstand. Gut für Portraits auf Distanz oder Details in der Natur
Alle Objektive teilen dasselbe Bajonett und sind untereinander vollständig kompatibel — auch mit modernen Kameras via einfachem OM-zu-EF oder OM-zu-RF-Adapter.
Die Batterie — ein unterschätztes Thema
Die OM-2N braucht zwei SR44-Batterien (auch als 357 bekannt) — kleine Knopfzellen, die man in jedem Uhrmacherladen oder online findet. Kein exotisches Format, kein Problem.
Warum das trotzdem erwähnenswert ist: Die Kamera wurde ursprünglich für Quecksilberbatterien (PX625, 1,35V) entwickelt, die heute in der EU und der Schweiz verboten sind. Moderne SR44-Zellen liefern 1,55V statt 1,35V — eine kleine Spannungsdifferenz, die theoretisch die Belichtungsmessung leicht verzerren kann.
In der Praxis ist das bei der OM-2N weniger kritisch als bei anderen Kameras, weil das OTF-System das Licht direkt vom Film misst und sich automatisch anpasst. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann auf Wein-Zellen (MRB625) zurückgreifen — Zink-Luft-Batterien mit exakt 1,35V, die als direkter Ersatz für die alten Quecksilberzellen gelten. Sie sind teurer und halten kürzer, liefern aber die ursprünglich vorgesehene Spannung.
Was passiert ohne Batterie? Die OM-2N ist eine elektronisch gesteuerte Kamera — fast alle Belichtungszeiten werden vom Stromkreis berechnet. Ohne Batterie steht nur eine einzige mechanische Verschlusszeit zur Verfügung: 1/60 Sekunde (der Blitzsync-Verschluss). Wer also unterwegs die Batterien leer hat, kann trotzdem weiterschiessen — mit fester Zeit und manueller Blende. Im Freien bei gutem Licht ist das durchaus brauchbar; in der Dämmerung oder drinnen kommt man damit nicht weit.
Kurz: Immer eine Reserve-SR44 einpacken.
Für wen ist das etwas?
Wer Fotografie als reines Mittel zum Zweck sieht, braucht keine analoge Kamera. Wer aber das Handwerk dahinter interessiert — die Entscheidung vor dem Auslöser, das Warten auf die Entwicklung, das Wiedersehen mit Bildern, die man halb vergessen hat — für den ist die OM-2N eine der besten Einstiegskameras, die man für wenig Geld finden kann.
Occasion-Modelle gibt es immer wieder, zum Beispiel bei PM Photo Media in Luzern, die ein gutes Sortiment an gepflegten Gebrauchtgeräten führen.
Sie funktioniert. Sie fühlt sich gut an. Und sie macht Bilder, die man nicht vergisst.
Neugierig, wie die Kamera in der Praxis aussieht? Hier sind 6 Bilder aus Luzern, aufgenommen mit Kodak Ultramax 400 →