Analog
Der erste analoge Film
36 Aufnahmen. Nicht 36 pro Sekunde, nicht 36 in einem Burst. Genau 36 — und dann war der Film voll.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Kind zum ersten Mal eine Kamera in der Hand hielt und meinen Eltern versprach, sparsam zu sein. Drei Fotos vom Hund, zwei von der Katze, eines vom Fenster — und schon waren zwölf Aufnahmen weg, bevor wir überhaupt das Haus verlassen hatten.
Was damals Ungeduld war, verstehe ich heute als etwas anderes: Aufmerksamkeit.
Wer mit Analog anfängt, lernt sehr schnell, dass ein Foto eine Entscheidung ist. Digital schiesst man zwanzig Varianten und wählt später aus. Analog drückt man ab — oder nicht. Man schaut länger hin, wartet auf den richtigen Moment, überlegt zweimal. Nicht weil man so ein grosser Künstler ist, sondern weil der Film begrenzt ist und die Entwicklung Geld kostet.
Das klingt nach Einschränkung. Ist es auch. Aber genau diese Einschränkung hat mir mehr über Fotografie beigebracht als jedes Tutorial.
Was mich am meisten überrascht hat: das Warten. Nach dem letzten Bild kommt nicht sofort das Ergebnis. Man gibt den Film ab, wartet ein paar Tage, und bekommt dann einen Umschlag zurück — mit Bildern, die man halb vergessen hat. Manche sind schärfer als erwartet. Manche komplett verwackelt. Manche zeigen Momente, die man nicht mal bewusst fotografiert hat.
Dieses Wiedersehen mit den eigenen Bildern ist ein Gefühl, das digital nicht existiert. Kein Speicher, der sich sofort füllt. Keine Galerie, die man scrollt, während man noch am Strand steht. Nur der Umschlag, der irgendwann in der Post liegt.
Heute fotografiere ich meistens digital — für Hochzeiten, Familien und Portraits braucht man Zuverlässigkeit und Geschwindigkeit. Aber ab und zu kaufe ich einen Film, lade ihn ein und erinnere mich daran, warum ich angefangen habe.
Nicht für die Ästhetik. Nicht wegen des Hype um Grain und Farbleaks. Sondern weil es mich wieder dazu zwingt, hinzuschauen — bevor ich auf den Auslöser drücke.