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Actionfotografie Workshop mit Martin Bissig – Street Trials in Luzern mit Raphael Dähler

Bike Trials Luzern – Rider springt über liegenden Fotografen an der Kapellbrücke

Wie fotografiert man etwas, das sich schneller bewegt als die eigene Reaktion erlaubt? Diese Frage stand im Zentrum eines Actionfotografie-Workshops, den der Schweizer Profifotograf und Canon-Ambassador Martin Bissig in Luzern organisiert hat – mit einem aussergewöhnlichen Motiv: dem Street-Trials-Athleten Raphael Dähler.

Martin Bissig und der Workshop

Martin Bissig ist einer der bekanntesten Sportfotografen der Schweiz. Seit über zwanzig Jahren fotografiert er für Marken wie Red Bull, Adidas, Oakley und Specialized, arbeitet mit Athleten wie Nino Schurter und Danny MacAskill und reist für Aufträge von den Alpen bis nach Grönland. Seit 2019 ist er Canon-Europa-Ambassador – und lehrt seit mehr als einem Jahrzehnt in Workshops, wie man Bewegung wirklich einfängt.

Für diesen Workshop wählte er Luzern als Kulisse und lud Raphael Dähler als Motiv ein. Das Konzept: keine Sporthalle, kein Bikepark – sondern die echte Stadt, mit allem, was sie bietet. Kopfsteinpflaster, historische Brücken, Passanten.

Raphael Dähler – Parkour auf zwei Rädern

Raphael Dähler, geboren 2001 in Winterthur, gehört zu den bekanntesten Street-Trials-Athleten der Schweiz. Was 2018 mit einem Fabio-Wibmer-Video auf YouTube begann, ist heute ein Red-Bull-Sponsoring, ein Creator-of-the-Year-Award (2022) und das eigene Event-Format Trialfest – ein jährliches, internationales Street-Trials-Gruppenride-Event.

Street Trials ist Parkour auf zwei Rädern: Geländer, Treppen, Bänke, Absätze – alles wird zum Hindernis. Was von aussen wie Improvisation aussieht, ist das Ergebnis von Jahren präzisem Training. Dähler sieht Städte mit anderen Augen – und an diesem Tag in Luzern hat er uns gezeigt, wie das aussieht.

Kapellbrücke als erster Spot

Der Einstieg war direkt an der Reuss, mit dem Wasserturm als Hintergrund. Martin Bissig erklärte zunächst die Grundprinzipien: Verschlusszeit, Serienaufnahme, Autofokus-Tracking – und wie man das Bewegungsmuster eines Riders lesen lernt, bevor man den Auslöser drückt.

Bike Trials Luzern – Wheelie auf dem Brückengeländer mit Kapellbrücke im Hintergrund

Raphael wiederholte Manöver mehrfach, damit jeder Teilnehmer die Chance hatte, den richtigen Moment zu finden. Das bedeckte Herbstlicht spielte uns in die Hände: diffuse Ausleuchtung, keine harten Schatten, Details auch in den dunklen Bereichen.

Ich arbeitete mit der Canon 6D Mark I und dem Sigma 35mm f/1.4 Art – kein Sportbody, kein langes Teleobjektiv, sondern eine Vollformatkamera mit einer lichtstarken Festbrennweite. Nah rangehen, breite Perspektive, atmosphärisches Bild: genau das, was diese Art von Street-Dokumentation braucht.

Street Trials Luzern – Manual auf dem Mauergeländer an der Reuss

Das Bild, das keiner geplant hat

Das stärkste Motiv der Session entstand, als ich mich auf den Boden legte – um eine Froschperspektive mit dem Wasserturm im Hintergrund zu versuchen. Raphael sah die Gelegenheit, nahm Anlauf und sprang über mich hinweg.

Das Ergebnis ist das Titelbild dieses Posts.

Martin nutzte den Moment im Nachgang, um einen wichtigen Punkt zu unterstreichen: Die besten Actionbilder entstehen nicht durch Zuschauen. Man muss sich in die Situation hineinbegeben, eine Position einnehmen, Vertrauen aufbauen – zum Athleten und zur eigenen Reaktion.

Sprung über Kinder mitten in der Strasse

An der Luzernstrasse wurde es nochmals spektakulärer. Kinder, die zufällig zugeschaut hatten, legten sich freiwillig auf den Asphalt – und Raphael sprang in einem weiten Bogen über alle hinweg.

Bike Trials Luzern – Rider springt über liegende Kinder auf der Strasse

Solche Momente lassen sich nicht inszenieren. Sie entstehen, weil ein Athlet wie Raphael die Energie einer Situation liest – und weil man als Fotograf bereit ist, mitzugehen.

Luzerner Theater und KKL

Die Holzboxen vor dem Luzerner Theater wurden zum nächsten Spot. Raphael nutzte die Hindernisse für präzise Sprünge, jeweils mit dem Theaterschild als Hintergrund – ein schöner Kontrast zwischen Hochkultur und Strassensport.

Bike Trials Luzern – Sprung von der Box vor dem Luzerner Theater Street Trials Luzern – Urbaner Sprung vor dem Luzerner Theater

Beim KKL führte Martin die zweite grosse Technik des Tages ein: Panning. Kamera dem Motiv nachführen, längere Verschlusszeit wählen – das Motiv bleibt relativ scharf, der Hintergrund zieht zu horizontalen Streifen aus. Geschwindigkeit sichtbar gemacht, nicht eingefroren.

Bike Trials Luzern – Panning Wheelie vor dem KKL Luzern

Finale in der Innenstadt

Die letzten Bilder entstanden in der Innenstadt, mit dem roten Rathausturm im Hintergrund. Raphael hatte hier Raum für seine grössten Manöver – Wheelies und Stoppies auf offenem Pflaster, während Passanten staunend stehen blieben.

Street Trials Luzern – Trick in der Innenstadt mit Rathausturm im Hintergrund

Kameraeinstellungen für Actionfotografie am Tag

Die beiden Kerntechniken des Workshops – Bewegung einfrieren und Panning – in den Einstellungen zusammengefasst:

Bewegung einfrieren

EinstellungWert
ModusManuell (M) oder Zeitvorwahl (Tv)
Verschlusszeit1/1000s – 1/2000s
Blendef/4 – f/8
ISO200–800 (je nach Licht)
AutofokusAI Servo / Kontinuierlich
SerienaufnahmeHöchste Geschwindigkeit

Eine kurze Verschlusszeit ist das Wichtigste. Bei 1/1000s friert man schnelle Bewegungen ein, bei 1/2000s auch Radspeichen und umherfliegende Haare. Mit dem 35mm f/1.4 auf f/4–f/5.6 ist der Fokusbereich gross genug, um auch bei kleinen Tracking-Fehlern scharfe Ergebnisse zu bekommen – bei f/1.4 vergibt man sich kaum Spielraum.

Bewegung betonen (Panning)

EinstellungWert
Verschlusszeit1/60s – 1/125s
Blendef/8 – f/11 (ggf. ND-Filter)
ISO100
KamerabewegungGleichmässig dem Motiv folgen

Beim Panning folgt man dem Rider mit der Kamera und löst während der Bewegung aus. Das Motiv bleibt relativ scharf, der Hintergrund zieht zu horizontalen Streifen aus. Braucht Übung – aber wenn es klappt, sieht kein eingefrorenes Bild so dynamisch aus.

Auf bedecktem Himmel: ISO 400–800, Blende f/4, 1/2000s – so war die Situation an der Reuss. Das diffuse Licht erlaubt höhere ISOs ohne sichtbares Rauschen, und die Canon 6D Mark I liefert bis ISO 3200 sehr saubere Ergebnisse.

Wer Einstellungen für andere Motive und Lichtsituationen sucht – Portrait, Kinder, Tiere, Nachtaufnahmen – findet einen Überblick im Kameraeinstellungen-Tool.

Was ich mitgenommen habe

Actionfotografie ist eine Mischung aus Vorbereitung und Reaktion. Martin Bissig hat das in diesem Workshop sehr konkret gemacht: Man beobachtet den Athleten, lernt seine Bewegungsmuster kennen, findet die Position – und hat dann einen Bruchteil einer Sekunde, um auszulösen.

Der richtige Moment ist nicht der dramatischste Augenblick. Es ist der präziseste. Wenn das Fahrrad am höchsten Punkt ist. Wenn das Hinterrad noch gerade so das Geländer berührt. Wenn der Körper genau die Linie bildet, die das Auge sucht.

Luzern bietet für solche Sessions perfekte Kulissen: historische Brücken, Wasserturm, moderne Kulturbauten – alles innerhalb weniger Gehminuten. Raphael Dähler hat diese Stadt an diesem Tag mit anderen Augen gezeigt. Und Martin Bissig hat uns gelehrt, wie man diesen Blick einfängt.

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